Heldinnenhafte Erfindungen – Literaturtipps zum Frauentag

Heldinnenhafte Erfindungen – Literaturtipps zum Frauentag

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Unsere Ausstellung Back to Future erzählt von technischen Visionen der Vergangenheit, die oftmals zu Innovationen der Gegenwart wurden. Erfindungsgeschichte ist häufig nicht nur die Geschichte von einzelnen Genies, sondern von Umständen, Kollaborationen und Konflikten verschiedener Ideen. Erst in den letzten Jahren wird dabei auch verstärkt auf die Rolle jener Frauen hingewiesen, die an Innovationsprozessen wesentlich beteiligt waren und deren Erfindungen die Basis unserer heutigen Technik bilden. Viele von ihnen arbeiteten dabei inmitten von Zeitgenossen, deren Visionen zwar die Besiedlung von Mond und Meeresboden als möglich ansahen, kaum aber eine Zukunft mit gleichen Rechten für Frauen. Umso heldinnenhafter ihr Beitrag, dem wir am heutigen Frauentag mit nur einigen der mittlerweile zahlreichen Literaturtipps gedenken wollen.

Mütter der Erfindungen

Ein guter Start in das weite Feld weiblicher Erfindungen, ist das Buch Geniale Frauen von Deborah Jaffé. Sie stellt bekannte Erfinderinnen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert vor, und widmet jedes Kapitel einem Gebiet von Gegenständen, an denen Frauen Patente anmeldeten. So zum Thema Körper und Haushalt, Erfindungen für Kinder, Wissenschaft und Medizin. Das Kapitel Transportwesen, Reisen und Technik erzählt von Frauen, die die Unabhängigkeit der neuen technischen Innovationen nicht nur sehr zu schätzen wussten, sondern auch aktiv mitgestalteten. So Sarah Guppys Verfahren zur Sicherung von Hängebrücken, Eva Balfours Befestigung für Eisenbahnschwellen und Patente für Transportmittel von Frances Young und Mabel van Vechten. Telegrafie, Schreibmaschine und Fahrrad erschlossen Frauen neue Betätigungsfelder und Freiheiten. Sarah Buckwell arbeitete an einem Chiffriersystem, das vielseitig verwendbar war, ähnlich wie Martha Coston, die ein Patent ihres Mannes weiterentwickelte, das später von der Marine genutzt wurde. Gerade das Fahrrad inspirierte viele Erfinderinnen zu Ideen, dieses neue Freiheitsvehikel noch zu verbessern, zum Beispiel durch Lavinia Laxton. Die Visionärin Clara Louise Wells beschäftigte sich gleich mit mehreren Ideen und entwarf Projekte zur Wasseraufbereitung und kreative Ideen zum Transport der Zukunft. Das Buch enthält zahlreiche technische Entwürfe und verzeichnet die Erfindungen in einem Anhang über die von Frauen eingereichten Patente.

Jaffé, Deborah: Geniale Frauen. Berühmte Erfinderinnen von Melitta Bentz bis Marie Curie.  München : Piper. ISBN: 978-3-492-25018-4

 

“Not ist die Mutter der Erfindungen” sagt ein englisches Sprichwort. Dies mag so sein, unterschlägt aber die Tatsache, dass Erfinder auch wirkliche Mütter sein können.”

Queen of Science

Von einer Pionierin der Computertechnik handelt das Buch Ada Lovelace. Sie schrieb 1843 das weltweit erste Programm für eine informationsverarbeitende Maschine. Herausgegeben von Sybille Krämer, erzählt das Buch ihre kurze Lebensgeschichte und enthält Beiträge verschiedener Autor*innen zur Frage, welchen Anteil Frauen bis heute an der digitalen Welt haben. In der Auseinandersetzung mit Adas Stilisierung als Ikone und „Queen of Science“, enthält das Buch Kapitel über Frauen, Gender und Digitalisierung, gibt einen Ausblick auf ihre Nachfolgerinnen und aktuelle Tendenzen zum Thema Geschlecht und Informatik, Gender in Naturwissenschaften und Gestaltung von Softwaretechnik durch Frauen.

Krämer, Sybille (Hg.): Ada Lovelace. Die Pionierin der Computertechnik und ihre Nachfolgerinnen. Paderborn : Fink, ISBN: 978-3-7705-5986-2

 

“I believe myself to possess a most singular combination of qualities exactly fitted to make me pre-eminently a discoverer of the hidden realities of nature.”

Menschliche Computer im Schatten

Keine Apollo-Missionen ohne die sogenannten „menschlichen Computer“. Mathematikerinnen, die während der rassistischen Segregation in den USA, im Rechenzentrum des Westflügels der späteren NASA angestellt waren. Im Kernschatten des Mondes von Margot Lee Shetterly erinnert an einige der Wissenschaftlerinnen, die die Grundvoraussetzungen für die ersten Raummissionen schufen, während sie sich zugleich in einer männerdominierten Behörde durchsetzen mussten und den Bedingungen der Rassentrennung unterworfen wurden. Unter ihnen Dorothy McFadden Hoover, Dorothy Vaughan und Mary Jackson, deren Forschungsberichte zu Grundlagen für die zukünftige Arbeit mit mechanischen Rechenmaschinen wurden und Katherine Johnson, die mit bahnbrechenden mathematischen Operationen die Umlaufbahn für die erste bemannte Raumfahrt berechnete.

Ihre wesentliche Teilhabe an der Raumfahrtgeschichte blieb lange Zeit nicht erwähnt. Das Buch versucht, das Leben und die Arbeit der Mathematikerinnen wieder in Erinnerung zu rufen und wurde unter dem Titel „Hidden Figures“ verfilmt.

Shetterly, Margot Lee: Im Kernschatten des Mondes. Die unbekannten Heldinnen der NASA.  New York : HarperCollins, ISBN: 978-3-95967-403-4

 

„Was mir für sie vorschwebte, war die große mitreißende Story, die sie verdient haben, vergleichbar mit der, die man mit den Brüdern Wright und den Astronauten, mit Alexander Hamilton und Martin Luther King Jr. verbindet.“ 

Mrs. Bluetooth

Was macht man eigentlich so als mysteriöse Hollywood-Diva, die ihrer Zeit voraus ist, neben dem Produzieren skandalöser Filmgeschichte? Genau, die Grundlagen der heutigen Mobilfunktechnik erfinden. Und einen Torpedo gegen Nazis. Zumindest ist das die spektakuläre Geschichte von Hedy Lamarr, die in letzter Zeit eine Reihe von Publikationen inspirierte. Darunter das Buch Hedy Darling von Jochen Förster, das auf Gesprächen mit ihrem Sohn beruht.

Gemeinsam mit ihrem Freund George Antheil entwickelte sie eine Methode zur Fernsteuerung von Torpedos, aus dem Bereich der Frequenzsprung-Technik, die 1942 patentiert wurde. Damals ein Mittel der geheimen militärischen Kommunikation, ist es die Basis heutiger kabelloser Verbindungen und GPS.

Förster / Loder: Hedy Darling. Hollenstedt : Ankerherz Verlag, ISBN: 978-3-94013-825-5

 

 

„Filme haben zu einer bestimmten Zeit einen bestimmten Platz. Aber Technologie ist für immer.“ 

 

Das programmierende Geschlecht

Janet Abbate schreibt in ihrer Einleitung, dass viele Leute überrascht sind, zu entdecken, welche Rolle Frauen in der Geschichte der Computertechnik spielen. Ihr Buch Recoding Gender, das seit den 90er Jahren mehrfach neu verlegt wurde, ist einerseits ein Streifzug durch die Geschichte des Programmierens und dokumentiert gleichzeitig, wie und welche Frauen, Einfluss auf jede der einzelnen Dekaden vom 2. Weltkrieg bis ins 21. Jahrhundert hatten. Sie untersucht, was die Zahlen von Frauen in diesem Berufsfeld seit den 80er Jahren rückläufig macht und bindet damit die Geschichte der Computertechnik an die aktuelle Genderforschung.

Abbate, Janet: Recoding Gender. Women’s changing participation in computing.  Cambridge : MIT Press, ISBN: 978-0-262-53453-6

 

„It really amazed me that men were programmers, because I thought it was women’s work!“

 

Mehr spannende Bücher zum Thema findet Ihr im Online-Katalog

Wir eröffnen Museum und Bibliothek am 12.03.2021 und freuen uns, Euch zu sehen!

 

Autorin: Sandy Lang, 08. März 2021

Im Gespräch: McLuhans Bücher

Im Gespräch: McLuhans Bücher

Marshall McLuhans Bücher, Ausstellung Feedback 5, Foto: Foto: ©Stefanie Kösling / MSPT

Am Freitag, den 15. Januar wird uns Andrew McLuhan in einer Online-Session einen Einblick in seine Forschungsarbeit zum literarischen Vermächtnis seines Großvaters Marshall McLuhan geben und diese mit aktuellen Theorien und Gedanken anreichern. Baruch Gottlieb, Kurator der Ausstellung #feedback5: Global Warning! – Marshall McLuhan and the arts wird das Gespräch moderieren. An Andrew McLuhan können ganz im Sinne des Formats Q & A (Questions & Answers/ Fragen & Antworten) Fragen aus dem Chat weitergereicht werden. Vorab haben wir drei Fragen an Baruch Gottlieb gesandt, um Andrew McLuhans Arbeit, die Arbeitsbibliothek und die Aktivitäten des McLuhan Instituts etwas besser kennenzulernen.

 

Was ist das The McLuhan Institute und welche Aufgabe hat Andrew McLuhan dabei?

Baruch Gottlieb: Andrew founded and directs the McLuhan Institute in order to support those who are interested in the work of Marshall (his grandfather) and Eric (his father, and important collaborator of Marshall) McLuhan. One of the first tasks of the Institute was preparing a large selection of Marshall McLuhan’s personal library for preservation as part of the UNESCO Memory of the World Register. Link: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/memory-of-the-world/register/full-list-of-registered-heritage/registered-heritage-page-5/marshall-mcluhan-the-archives-of-the-future/

Deutscher Text

Andrew gründete und leitet das McLuhan Institut, um diejenigen zu unterstützen, die sich für das Werk von Marshall (seinem Großvater) und Eric (seinem Vater und wichtigen Mitarbeiter von Marshall) McLuhan interessieren. Eine der ersten Aufgaben des Instituts war es, eine große Auswahl der persönlichen Bibliothek von Marshall McLuhan als Teil des UNESCO Memory of the World Register vorzubereiten.

Wie sieht Marshall McLuhan’s working library aus, wie kann man sich diese vorstellen?

Baruch Gottlieb: I will attach a picture for this. Of course, as an academic he had a small working library at his office and a larger library at home in Wynchwood Park Toronto.  When he died many books were brought by his son Eric to Prince Edward County outside of Toronto into his library which he called the “Scriptorium” installed in a large barn-like structure.  Andrew McLuhan and the McLuhan Institute is mostly based out of the Scriptorium. There is full information on the collection which is now at the Fisher library of the University of Toronto, including a finding aid and some images etc: https://fisher.library.utoronto.ca/mcluhan-library.

Deutscher Text

Ich werde dazu ein Bild anhängen. Als Akademiker hatte er eine kleine Arbeitsbibliothek in seinem Büro und eine größere Bibliothek zu Hause im Wynchwood Park Toronto. Als er starb, wurden viele Bücher von seinem Sohn Eric nach Prince Edward County außerhalb von Toronto in seine Bibliothek gebracht, die er “Scriptorium” nannte und die in einem großen scheunenartigen Gebäude untergebracht war. Andrew McLuhan und das McLuhan Institute haben ihren Hauptsitz im Scriptorium. Es gibt ausführliche Informationen über die Sammlung, die sich jetzt in der Fisher Library der University of Toronto befindet, einschließlich eines Findbuchs und einiger Bilder etc.

Das McLuhan Institute hat einen YouTube Kanal, wie wird dieser bespielt?

Baruch Gottlieb: As Andrew goes through his father Eric’s library, he does periodic live videos from inside the scriptorium (see attached image) examining what he has found there. The channel also hosts a number of videos featuring Marshall and Eric McLuhan in action.

https://www.youtube.com/c/TheMcLuhanInstitute

Deutscher Text

Während Andrew die Bibliothek seines Vaters Eric durchforstet, macht er in regelmäßigen Abständen Live-Videos aus dem Inneren des Skriptoriums (siehe beigefügtes Bild) und untersucht, was er dort gefunden hat. Der Kanal enthält auch eine Reihe von Videos, die Marshal und Eric McLuhan in Aktion zeigen.

 

Zur Veranstaltung: Q&A Marshall McLuhan‘s Books

Der Livestream findet am Freitag, den 15. Januar 2021 von 18 bis 19.15 Uhr statt – via https://www.youtube.com/user/mfkfrankfurt

 

Im Rahmen von #FEEDBACK 5 – Global Warning! : Marshall McLuhan and the Arts, kuratiert von Baruch Gottlieb und von der Kanadischen Botschaft in Deutschland und West Den Haag gefördert und unterstützt, ist ein Ausblick auf das Gastland Kanada zur Frankfurter Buchmesse 2021.

 

Text: Baruch Gottlieb, Tine Nowak

Architektur: Dialog zwischen alt und neu

Architektur: Dialog zwischen alt und neu

Abb. 1 Deutsches Postmuseum. Foto: MSPT

Das Museumsufer am Beispiel des Museums für Kommunikation von Günther Behnisch und des ehemaligen Bundespostmuseums in der Villa de Neufville (hier in einer der 1990er Jahre). Die heutige bauliche Ansicht des Museumsufers besticht durch eine Mischung aus historisierenden Villenkomplexen des 19. Jahrhunderts, funktioneller Nachkriegsarchitektur und (post)modernen Erweiterungen. Gerade dieser Ensemble Charakter macht das Museumsufer aus städtebaulicher und architektonischer Sicht unglaublich spannend und lädt zu einer architektonischen Zeitreise ein. Topografisch im Zentrum  zwischen dem Museum Giersch und dem Museum für Angewandte Kunst liegt das Museum für Kommunikation mit einer gelungen Ergänzung von Alt und Neu.

 

Transparenter Museumsbau

Neu ist der Museumsbau von Günther Behnisch (Eröffnung 1990) mittlerweile nicht mehr, aber die Architektursprache zeugt immer noch von einer beeindruckenden Aktualität. So ist er als ein Ort der “Grand Tour der Moderne gelistet”, ein Projekt, welches “bedeutende und zugängliche Gebäude, die zwischen 1900 und 2000 erbaut wurden, zu einem Streifzug durch 100 Jahre Architekturgeschichte” verbindet.

Doch zurück zum Anfang.

 

Die Villa: Vom Wohnhaus zum Museum

Der heutige Sitz der Verwaltung des Museums für Kommunikation befindet sich in der Villa de Neufville. Ab 1891 nach Entwürfen von Franz von Hoven in historisierenden Formen für den Bankier Otto de Neufville (die Villa Andreae, 1891, in Königstein ist das für die Region bekannteste Gebäude der Familie) erbaut, fungierte sie lange Zeit als Wohnsitz der Familie. In den 1950er Jahren waren die Mieter der Suhrkamp Verlag sowie das niederländische Generalkonsulat. Ab 1955 bezog die Post das Gebäude und 1958 wurde das damalige Bundespostmuseum eröffnet um die Sammlungen des ersten Postmuseums der Welt (Berlin, Reichspostamt, unter Heinrich von Stephan dem damaligen Generalpostdirektor 1872 gegründet; heutiger Sitz unseres Schwesterhauses) im Rhein-Main-Gebiet zu präsentieren. Die Umbenennung in Deutsches Postmuseum erfolgte 1986 im Rahmen des Neubaus sowie 1995 im Zuge der Privatisierung der Deutschen Post und der DeutschenTelekom in Museum für Kommunikation.

 

Die Villa: Eine kleine Stilgeschichte

Die dreigeschossige Villa, neben der Liebig-Villa zu den typischen Bauten der wilhelminischen Gründerzeit gehörend, präsentierte sich bis zu ihrer teilweisen Zerstörung mit einer reich gegliederten Fassade aus Sandsteinquadern und einer opulent gestalteten Dachlandschaft mit Kaminen und Ziergiebeln (Abb.1 und 2). Nach Kriegsschäden (Abb. 3) wurde die Villa in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Der hervorspringende Risalit blieb bestehen aber ohne die Neo-Renaissance Elemente wie Balkone und sonstige Zierelemente (Abb. 4). Im Rahmen des Neubaus des Museums in den 1980er Jahren wurde die Villa im Kontext des modernen Museumsbaus (beides durch das Büro Behnisch & Partner) renoviert und auf die Bedürfnisse einer Museumsverwaltung angepasst.

 

Abb. 7 Museum für Kommunikation Frankfurt, Gartenasicht, Foto: MSPT/ Thomas Gessner
 
Neubau und Villa: Eine gelungene Verbindung

Der preisgekrönte Entwurf der Architekten Behnisch & Partner wurde in den 1980er Jahren umgesetzt und 1990 feierlich eröffnet. Der moderne Stahlskelettbau mit Materialien wie Glas, Beton und den damals größten je verbauten Aluminiumplatten betont den Kontrast (Abb. 5)  zur sandsteinverkleideten Villa und bietet gleichzeitig eine Fülle an ästhetischen Gemeinsamkeiten im Detail, die zu intensivem Dialog zwischen den beiden Gebäuden führen.

Genau dieser Dialog ist bezeichnend für die Bebauung des Museumsufers. Historisierende Villen neben spannender Nachkriegsarchitektur erweitert um in der Tradition der Moderne stehende Bauten prägen den Charakter des Museumsufers und lassen eine architekturgeschichtliche Reise der letzten knapp 150 Jahre zu.

Ein Beitrag zum Tag der Architektur 2020. Bei interesse an geführten Rundgängen zur Museumsarchitektur bitte Nachfragen unter 069/6060-321 oder buchungen-mkf (at) mspt.de. Dabei richten wir uns an die dann behördlich geltenden Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen.

 

Text: Fabian Lenczewski, 27. Mai 2020

Die Liebe zur Literatur in Zeiten von Corona – Teil III

Die Liebe zur Literatur in Zeiten von Corona – Teil III

Was eignet sich besser, um an den morgigen Tag der Arbeit zu erinnern als mit dem Thema „Arbeit und Digitalisierung“ einen weiteren Aspekt unserer neuen Ausstellung #neuland und drei begleitende Buchtitel unserer Museumsbibliothek vorzustellen? Im besten Fall regt uns Literatur in Zeiten sozialer Einsamkeit, Prekariat und Arbeitsplatzverlust durch Corona zum Nachdenken an: über die Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft und für uns selbst. Aber auch über unseren Grad an Digitalisierung mit all seinen Grenzen und Möglichkeiten.

Die Produktivkraft der digitalisierten Massen

Wie kann eine an Marx orientierte Analyse den aktuellen technologischen Wandel erklären? Das Buch: „Marx und die Roboter“, herausgegeben von Sabine Nuss und Florian Butollo, stellt entlang Marx‘ Vorhersage zur Vollautomatisierung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Entwicklungen in der digitalisierten Arbeitswelt dar. Der Begriff der Produktivkraft bildet den Ausgangspunkt und sozialhistorischen Kontext, in den hier die Digitalisierung gestellt wird und analysiert aktuelle Veränderungen unserer Arbeitsweise. Dabei verbleibt die Kritik nicht in der soziotechnischen Dystopie des vom Roboter ersetzten Menschen, sondern zeigt auf, dass neue Technologien das menschliche Arbeitsvermögen noch stärker beanspruchen und deshalb eine aufwendige Neugestaltung der Arbeitsorganisation erfordern. Künstliche Intelligenz und die teils wundersamen Erwartungen, die Marktprognosen an sie stellen, werden hier aber nicht als Lösung dieser Neugestaltung gesehen, sondern als in ihrem gesellschaftlichen Nutzen eher beschränkt, sofern Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter nicht nachhaltig und demokratisch gedacht wird. Die Digitalisierung als Gesicht des Gegenwartskapitalismus, reflektiert in differenzierten Aufsätzen von 16 Autor*innen als ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte.

Nuss / Butollo (Hg): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit.  Berlin : Dietz Verlag. ISBN: 978-3-320-02362-

Die Gestaltbarkeit von Arbeit

Auch wenn mit seinem Erscheinungsjahr 2010 das erwähnte Morgen eigentlich unser Heute ist, ist die Frage: „Wie wollen wir leben und arbeiten?“ des Buches „Die Arbeitswelt von morgen“ nicht weniger aktuell als vor zehn Jahren. Der Sammelband, herausgegeben von Karin Kaudelka und Gerhard Kilger, beinhaltet Positionen aus sechs Talkrunden des interdisziplinären Symposiums „Constructing the future of work – wie wollen wir leben und arbeiten?“ der DASA. Als existentieller Teil unseres Lebens kreist das Thema Arbeit immer um die Frage von Freiheit und Notwendigkeit:

Ob die Entgrenzung zwischen Arbeit und Leben eine gelungene work life balance oder eine ungesunde Vermischung zweier wichtiger Bereiche menschlicher Lebenswelt ist, kann sehr verschieden beantwortet werden, aber nur von jenen, die überhaupt die Wahl haben, mobile und flexible Arbeit nutzen zu dürfen und über die technischen Voraussetzungen dafür verfügen. Ob man ungerechter Bezahlung mehr entgegen setzen kann als Frustration und Jobwechsel, hängt wesentlich mit der persönlichen sozialen Situation zusammen. Und „life long learning“ ist zuweilen einseitige Forderung statt Förderung. 

Die Beiträge des Buches behandeln Themen der Arbeitsmarktpolitik und Personalentwicklung, Grundeinkommen und soziale Ungleichheit, beleuchten sozialpsychologische Aspekte und entwerfen Visionen vom zukünftigen Arbeiten. Ihnen gemeinsam ist die Suche nach Antworten auf die Frage nach der Gestaltbarkeit von Arbeit.

Kaudelka / Kilger (Hg.): Die Arbeitswelt von morgen. Wie wollen wir leben und arbeiten?.  Bielefeld : transcript Verlag, ISBN: 978-3-8376-1423-7

Nachhaltig und ohne Angst

Gestaltungsfelder des digitalen Wandels beschreibt auch das Buch „Die Zukunft ist menschlich“ von Andera Gadeib. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Thema Arbeit hier als eines von mehreren Themen eingebettet in eine ganzheitliche Betrachtung: Die Autorin liefert ein starkes Plädoyer, den Menschen als Subjekt in den Mittelpunkt zu stellen – auch in Zeiten des technologischen Fortschritts und umfassenden digitalen Wandels. Das Buch möchte damit eine positive Gegenthese setzen zu angstvollen Mediendebatten angesichts Künstlicher Intelligenz und der Veränderungen in der digitalen Arbeitswelt. Es richtet sich mit Beispielen aus der digitalen und analogen Welt sowohl an Menschen, die ihre allerersten Schritte im Bereich Social Media machen als auch an Arbeitgeber, die ihre Einstellung zu einem lösungsorientierten Herangehen an die Digitalisierung verbessern möchten. Nachhaltig fit für die Zukunft durch das „Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft“.

Gadeib, Andera: Die Zukunft ist menschlich. Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft. Offenbach : GABAL Verlag, ISBN: 978-3-86936-930-3

 

Mehr zu unseren Beständen im Online-Katalog

Für mehr Literatur zu Themen der aktuellen Ausstellung könnt Ihr unter dem Stichwort „Leben & Lernen“ im Online-Katalog stöbern.

Wir hoffen, Euch bald wieder im Museum und in der Bibliothek zu sehen. Bleibt gesund!

 

Autorin: Sandy Lang, 30. April 2020

Der Weltamateurfunktag – Die Rolle des Funkens heute

Der Weltamateurfunktag – Die Rolle des Funkens heute

Heute findet – wie jedes Jahr am 18.4. – der Weltamateurfunktag der International Amateur Radio Union statt, da diese heute vor genau 95 Jahren in Paris gegründet wurde. Auch auf dem Dach des Museums für Kommunikation in Frankfurt befindet sich eine Amateurfunkstation. Diese bieten normalerweise reichlich Möglichkeiten zum Erkunden und Besichtigen von historischen Geräten – und manchmal sogar die Möglichkeit, beim Funken dabei zu sein. Da dies aufgrund der aktuellen Situation vorerst nicht möglich ist, bringen wir Euch das Funken auf eine andere Weise näher: Anlässlich des Jubiläums habe ich Karl-Heinz Wolf, Mitglied des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC), ein paar Fragen gestellt.

Funken als Hobby

Die Funktechnologie entstand Ende des 19. Jahrhunderts und schon in den frühen 1900er Jahren gab es eine Funkpflicht für Schiffe. Durch den zunehmenden Datenverkehr erfolgte dann die Unterteilung in den offiziellen und den privaten bzw. den Amateurfunk, der erstmals auch Experimentalstationen ermöglichte.

Heute zählt der DARC etwa 33.000 Mitglieder, die das Hobby in ihrer Freizeit betreiben. Kommunikation mit Schwellenländern ohne Internet und die Förderung des technisch-wissenschaftlichen Nachwuchses sind nur einige der Ziele, welche die Amateurfunker verfolgen.

Im Gespräch mit Karl-Heinz Wolf, Mitglied des DARC

Man kennt Funkverbindungen ja bereits durch den Seefunk oder den Flugfunk. Der „Amateurfunk“ ist jedoch nicht weniger wichtig. Was würden Sie sagen, macht seine besondere Rolle aus?

Der Amateurfunkdienst ist genauso ein Dienst wie der Seefunk, Polizeifunk, Flugfunk und so weiter. Man braucht dafür eine offizielle Zulassung der Telekommunikationsbehörde. Der große Unterschied ist, dass alle anderen genannten Dienste kommerziell sind. Dabei bezahlt man Gebühren, wie in etwa bei dem Handyvertrag, und hat Anspruch auf eine gewisse Funkqualität und Verfügbarkeit. Die Gebühren des Amateurfunkdienstes sind weitaus geringer und wir haben die Möglichkeit, auch selbstgebaute Geräte in Betrieb zu nehmen.

Mit dem kleinen Sender der Funkstation auf dem Dach des Museums kann man zum Beispiel durch ganz Europa, mit den richtigen Bedingungen sogar durch die ganze Welt, funken. Jedoch sind diese Verbindungen, im Gegensatz zu den kommerziellen Diensten, nicht garantiert. Deshalb sagen wir „Amateurfunk“: Nicht, weil wir amateurtechnische Geräte verwenden, sondern weil man eben nicht für eine bestimmte Dienstleistung bezahlt. Aus diesem Grund senden wir auch kein „SOS“, „panic“ oder „mayday“.

Trotzdem ist es doch richtig, dass der Amateurfunk für Notfall- oder Katastrophenhilfe eingesetzt wird, oder?

Das ist richtig. Das Thema Not-Funk ist dafür gedacht, wenn Kommunikationsnetze ausfallen. Das heißt jedoch nicht, dass wir diese Kommunikation übernehmen, sondern vielmehr unterstützen. Die eingesetzten Hilfskräfte bei Katastrophen haben meist keine Zeit, minimale Nachrichten von Menschen an Angehörige zu übermitteln. Wir können dann mit jemandem auf der Welt Kontakt aufnehmen, der in der Lage ist, diese Nachricht an den jeweiligen Empfänger weiterzuleiten. Da gibt es dann mehrere Möglichkeiten. Entweder Analogfunk oder Digitalfunk, die Bandbreite ist wirklich unendlich groß.

Viele dieser Arten von Funk kann im Museum für Kommunikation besichtigen. Könnten Sie einmal grob die Unterschiede und Anwendungsgebiete von Morse, Sprech-, Bild- und Satelitenfunk skizzieren?

Morse ist eine der ersten Digitalfunkarten. Der sog. „Morsecode“ besteht aus drei Informationselementen, welche das komplette Alphabet abdecken. Eingesetzt wird das, um mit geringen Leistungen möglichst weit kommunizieren zu können. Damit kann ich mithilfe von Abkürzungen, auch ohne lokale Sprachkenntnisse, international Nachrichten übertragen.

Bei Sprechfunk ist es ganz klar. Dazu gehört auch die Telefonie. Dazu braucht man aber eine gewisse Bandbreite und es ist erheblich mehr Leistung notwendig. Der Satelitenfunk hingegen hat von Haus aus schon Radioqualität, funktioniert jedoch dementsprechend nur regional.

Dann gibt es natürlich noch eine Übertragung, die nennt sich „hamnet“. Das steht für „highspeed amateur multimedia network“. Das ist ein wireless LAN, welches wir auch gerne im Museum zeigen. Dabei geht durch das Multimedia Netzwerk eigentlich alles: von Sprache bis hin zu Video und dem klassischen Internet.

Man merkt, das Hobby des Amateurfunks ist ein wahnsinnig weites Spektrum. Eigentlich ist die Technik dabei nur das Mittel zum Zwecke der Völkerverständigung. Das Kennenlernen von Kulturen und anderen Menschen steht dabei im Vordergrund. Ich kenne keinen Funkamateur, der sich nur in seinem Kämmerchen vergräbt und nicht offen zu Menschen spricht. Wir sind unabhängig von allen Nationalitäten, Geschlecht, politischen Gedanken, religiösen Sichtweisen oder körperlicher Unversehrtheit. Außerdem darf bei Funken jeder mithören und den Unterhaltungen folgen – auch ohne Lizenz.

Wir leben einer Welt, die durch das Internet und die Digitalisierung geprägt ist. Dieses Thema beleuchtet auch unsere neue Ausstellung #neuland. Warum ist es trotzdem noch so wichtig, dass der Nachwuchs des Amateurfunks gefördert wird?

Wir beim Amateurfunk haben zwangsläufig eine Öffentlichkeit, weil wir keine verschlüsselten Verbindungen wie beim Mobilfunk besitzen. Diese Öffentlichkeit zwingt uns dazu, und das ist auch vernünftig aus meiner Sicht, völlig offen zu kommunizieren, höflich zu bleiben und sofort das Gegenüber zu respektieren. Überträgt man das auf das alltägliche Leben, so lebt man automatisch völlig vorurteilsfrei und miteinander. Offene und direkte Kommunikation – das ist für mich der Schlüssel zu einem vernünftigen Zusammenleben.

Die Förderung des Nachwuchses ist also vor allem wegen der Weitergabe dieser Werte wichtig. Zur Förderung machen wir viele Kurse, bei denen man die Lizenz zum Funken erwerben kann und mit der Technik vertraut wird. Das ist immer spannend für Jugendliche. Mit der Lizenz kann man selbstständig tätig sein und mit den über 2,5 Mio. Funkamateure weltweit kommunizieren. Dabei geht es vielmehr um die Community als um die Technologie. Wir haben heutzutage so viele unterschiedliche Kanäle, da muss man aufpassen, dass man sich nicht verzettelt.

Auch im Museum machen wir zur Nachwuchsförderung u.a. den „Kids Day“. Dort können nicht nur Kinder, sondern auch jung gebliebene Erwachsene unter Aufsicht auch ohne Lizenz selbst funken. Wir sind immer gerne bereit, das Funken zu erläutern. Wir haben auch ein paar kleine Mobilfunkgeräte da, die jeder mal ausprobieren kann. Das sind prinzipiell diese Walkie-Talkies, die man in Kaufhäusern erwerben kann. Das ist auch eine ganz vernünftige Geschichte, wenn man unter naheliegenden Freunden kommunizieren möchte, ohne das Telefon zu blockieren. Dafür braucht man nämlich nicht zwingend so eine riesige Funkstation, wie wir sie im Museum haben.

In Zeiten von Corona und „Social Distancing“ bekommt Kontaktpflege eine neue Bedeutung. Was macht sich konkret in der aktuellen Situation in Ihrem Umfeld bemerkbar?

Mir ist vor allem auf unseren Funkbändern aufgefallen, dass wesentlich mehr los ist als sonst. Das liegt aber nicht daran, dass wir das Thema Corona überstrapazieren, sondern vielmehr, weil die Menschen nun eher zuhause sind. Bedingt dadurch, dass sie nicht zur Arbeit gehen können und / oder dürfen, nutzen sie ihr Hobby Funk. Es gibt eine ganze Menge mehr an menschlicher Nähe. Einfach sich mit Worten austauschen zu können – auch wenn jemand mithört – ist eine gravierende Menge an Kommunikation, die man leisten kann. Dass wir diesen Kanal jetzt mehr nutzen, geraden in Zeiten wie diesen, ist für mich selbstverständlich. Das ist auch vernünftig so.

Das führt uns nun fast schon zum Ende. Die Türen des Museums sind momentan für physische Besucher geschlossen und auch die Lange Nacht der Museen fällt aus, wo Sie ja auch präsent gewesen wären. Haben Sie Alternativen, wie Interessenten sich weiterhin über das Funken informieren können?

Da gibt es mehrere Wege über das Internet. Da wäre zum Beispiel die Möglichkeit über Google Arts & Culture, die einen virtuellen Rundgang durch das Museum und die Funkstation ermöglicht.

Über unsere Facebook-Seite kann man sich informieren, was gerade so bei uns passiert. Dann gibt es noch unsere Ausbildungsseite mit Informationen zu den Lehrgängen in den Herbstferien. Selbst wenn Versammlungen bis dahin noch untersagt sein sollten, führen wir diese digital via Videokonferenz durch.

Das klingt sehr vielversprechend. Ich danke Ihnen für das Gespräch und die vielen, aufschlussreichen Informationen. Bleiben Sie gesund.

Funken – früher und heute

Man merkt: die Möglichkeiten und die Vielseitigkeit des Amateurfunks sind nahezu unbegrenzt. Mit der zunehmenden Vernetzung durch Internet und Digitalisierung, werden diese Arten von Verbindung immer leichter zugänglich und rücken das Funken hingegen immer mehr in den Hintergrund. In einem gesellschaftlichen Wandel zu physischer Distanz und psychischer Nähe, wird jedoch auch diese Tätigkeit wieder vermehrt praktiziert und geschätzt. Vielleicht entdeckt ja der ein oder andere während der Zeit zuhause ebenfalls ein neues Hobby: den Amateurfunk.

DL 0 DPM – Die Amateurfunkstation im Museum für Kommunikation in Frankfurt im Web und bei Facebook.

Autorin: Regina Lang 18. April 2020