Das Museum für Alle

Das Museum für Alle

Der heutige Diversity-Tag erinnert an das Zusammenleben in Vielfalt. Die Öffnung der Museen für alle Menschen ist kein neuer Gedanke. Schon 1979 veröffentlichte Hilmar Hoffman, der “geistige Vater” des Frankfurter Museumsufers das Buch “Kultur für Alle”.

Kultur für Alle

Den 2018 verstorbenen Sozialdemokraten Hoffmann beschäftigte Zeit seines Lebens u.a. das von ihm propagierte Konzept Kultur für alle. Damit ist die Teilhabe an, von und mit Kultur für alle Menschen und vor allem deren ästhetische Erziehung im Sinne Schillers gemeint. Hoffmann engagierte sich, alle Menschen gleichberechtigt und demokratisch an Kultur teilhaben lassen zu können. Doch was kann das bedeuten? Eine für alle zugängliche Kultur muss u.a. finanziell erschwinglich sein, – Stichwort Eintrittspreis – aber auch verständlich für möglichst viele Menschen.

In seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen begründete bereits Friedrich Schiller, dass es nicht genüge, den Menschen mit einem tabellarischen Verstand und mit mechanischen Fertigkeiten auszurüsten, sondern dass auch musische und ästhetische Bildung früh zu vermitteln sind.

Hilmar Hoffmann im Interview (Kultur für alle – quo vadis?, 2018)

Einfache Sprache

Das Museum für Kommunikation möchte ebenfalls möglichst vielen Menschen den Museumsgenuss ermöglichen. Dazu gehört neben günstigen Eintritts- und Führungsgebühren natürlich auch die Aufarbeitung der Inhalte des Hauses für alle. Auch für die, die gerade erst Deutsch lernen, oder für die, die Lese- oder Verständnisschwierigkeiten haben. Dazu entwickeln wir momentan im Team ein Führungsskript in vereinfachter/leichter Sprache.

Das könnte so aussehen:

Herzlich willkommen!
Sie befinden sich in einem Museum.
In einem Museum werden verschiedene Dinge gezeigt.
Wir sind im Museum für Kommunikation.
Kommunikation ist ein schwieriges Wort.

Kommunikation bedeutet:
Informationen werden ausgetauscht.
Das kann so funktionieren:
Jemand redet.
Jemand schreibt.
Jemand malt ein Bild.
Jemand lacht.
Das alles gibt eine Information weiter.

Wir kommunizieren in diesem Moment.
Ich rede mit Ihnen.
Also kommuniziere ich.
Ich bin der Absender einer Information.
Sie hören mir zu.
Sie sind die Empfänger einer Information.

Man kann unterschiedlich kommunizieren.
Fällt Ihnen etwas ein?

Das Museum zeigt die Geschichte der Kommunikation.
Wir schauen uns heute das Museum an.
Das dauert etwa 40 Minuten.
Wir werden viele Dinge sehen.
Sie alle haben etwas mit Kommunikation zu tun.
Kommunikation ist ein großes Thema.
Sie werden sich manchmal fragen:
Was hat das mit Kommunikation zu tun?
Das werden wir gemeinsam herausfinden.

So wie sich Gesellschaften verändern, verändert sich im Laufe der Zeit Sprache. Mit der Form der Sprache kann man Menschen in Gespräche einladen, aber auch ausschliessen.

 
Inklusion

Der Begriff der Inklusion war zu Hoffmanns Zeiten noch nicht so verbreitet wie heute. Wir verstehen natürlich viel mehr darunter, als nur die leichte oder einfache Sprache. Wir wollen möglichst viele Menschen in allen Bereichen inkludieren. Dafür gibt es für unterschiedliche Zielgruppen die verschiedensten Möglichkeiten. Eine davon ist eine leicht verständliche Kommunikation.

Hoffman und seine Mitstreiter*innen haben den Weg angefangen, den wir alle weitergehen sollten. Zwischenzeitlich hatte Frankfurt unter Hilmar Hoffmann den größten Kulturetat einer europäischen Kommune und setzte damit ganz bewusst auf die Förderung und den Ausbau vielfältiger kultureller Einrichtungen und Veranstaltungen – von der Stadtteilbibliothek über das Theater bis hin zum Museum. So entstanden in seiner Amtszeit (1970-1990) nicht nur 15 neue Museen in Frankfurt, sondern er gilt auch als wichtiger Initiator für das Museumsufer.

Diese Erfolge sind die Basis für unser heutiges Arbeiten und diese Basis gilt es ständig auszubauen und weiterzuentwickeln.

 
Kulturelle Teilhabe

Eine zentrale Aufgabe von Kulturinstitutionen liegt heute auch darin, das Bewusstsein für die eigene kulturelle Identität zu stärken und  Diskussionen darüber anzuregen. Die Angebote dazu für alle Besucher*innen ständig zu erweitern und zu optimieren ist eine der vielen spannenden Herausforderungen der Abteilung Bildung und Vermittlung. Dieser stellen wir uns mit Freude und Begeisterung – zufriedene Gesichter und der Erkenntnisgewinn der Teilnehmer*innen sind unser Lohn.

Na, neugierig geworden? – Dann kommt  vorbei! Seit dem 12. Mai haben wir wieder geöffnet. Momentan ist durch die Gesetzgebung nur der Einzelbesuch möglich. Auf die hoffentlich bald startenden weiteren Angebote freuen wir uns sehr. Wenn Du Dich fragst: Wie barrierearm ist ein Besuch für mich? Seit dieser Woche kann man die Informationen zur Barrierefreiheit bei Reisen für Alle nachschlagen. Wir bauen die Angebote weiter aus, wie den Rundgang in einfacher Sprache, an dem wir gerade arbeiten.

Denn Sprache ist ein elementarer Teil der Kommunikation mit den Gruppen. Verschiedene Sprachen, unterschiedliche Bedeutungssysteme wie Piktogramme oder auch das Experimentieren mit Schrift und Sprache können, dürfen und sollen bei uns Thema sein.

Text: Fabian Lenczewski, 26. Mai 2020

Allein mit den Telefonschafen

Allein mit den Telefonschafen

Ein Kurzinterview mit unseren beiden neuen Empfangsmitarbeiter*innen

Unsere beiden neuen Empfangsmitarbeiter*innen haben vor sechs Wochen höchst motiviert ihren ersten Arbeitstag angetreten und dann kam leider alles anders als gedacht. Der Lockdown bedeutete für die beiden Einarbeitung unter erschwerten und ungewöhnlichen Bedingungen. In einem kurzen Interview erzählen sie euch, auf was sie sich – gemeinsam mit unseren Telefonschafen – am meisten freuen. Die beiden Kolleg*innen sind übrigens auch unsere #heroesMW in der Museumsweek, die diese Woche startet. 

Nina Voborsky: Ihr habt die Stelle als Empfangsmitarbeiter*in im Besucherservice während des Corona Lockdowns angetreten. Wie fühlt sich das nach all den Wochen ohne Publikumsverkehr an, wenn am 12. Mai endlich die Türen öffnen?

Anne: „Endlich ist ein gutes Stichwort: Wir freuen uns schon sehr auf die Museumsgäste. Und für mich persönlich war es schon sehr komisch, in den letzten Wochen im leeren Museum zu stehen. Ich habe ja schon ein paar Jahre hier im Team Bildung und Vermittlung mitgearbeitet, also viele Führungen und Workshops gehalten und kenne das Haus daher voller Schulklassen, Gruppen, Familien – voller Leben eben. Wirklich schön, dass es jetzt endlich wieder losgeht.

„Ja, endlich kommt Leben in die Bude! Die Telefonschafe gegenüber vom Empfang langweilen sich auch schon.“ ergänzt der Kollege.

NV: Habt ihr Bedenken wegen der Corona-Situation?

Anne: „Überhaupt nicht. Das Museum ist doch super vorbereitet. Da mache ich mir gar keine Sorgen.“

Konny: „Hier gelten ja genauso die Hygieneregeln, die wir alle ja schon seit Wochen befolgen. Zusätzlich haben wir zum Schutz für uns und unsere Gäste eine neue Wegeführung eingerichtet und begrenzen natürlich den Einlass. Die Abstandsregeln gelten selbstverständlich auch hier.“

NV: Welche unserer Ausstellungen und welches Angebot findet ihr besonders?

 Anne: „Ganz ehrlich? Alles. Angefangen von den toll erzählten Mediengeschichten in der Dauerausstellung – ich finde die Insel-Lösung einfach großartig – über die Verlängerung der spannenden Geheimnis-Ausstellung und natürlich #neuland, was ja jetzt doppelt und dreifach passt, wo wir das WWW in den letzten Monaten alle irgendwie neu entdeckt und genutzt haben. Aber natürlich sind auch die Vermittlungsangebote alle sehr besonders. Ich hoffe sehr, sehr, dass sie alle bald wieder stattfinden können. Ich glaube, diese Angebote werden aktuell mehr gebraucht denn je.”

„Und wenn man möchte, kann man vorher anrufen und sich für die Sonderausstellungen ein Ticket mit einer bestimmten Einlasszeit reservieren, dann muss man nicht warten und kann den Tag besser planen. Aber man kann natürlich auch einfach so vorbeikommen.“

Empfangskollege Konny

NV: Was meint ihr, worauf werden die Besucher*innen am meisten reagieren?

Anne: „Wahrscheinlich auf die #neuland-Ausstellung, weil sie A neu ist, B noch nicht wirklich eröffnet und B das aktuelle Thema Digitalisierung aufgreift.“

Konny: „Generell auf mal wieder etwas Abwechslung – wir haben ja hier auch ein sehr angenehmes Gebäude mit viel Platz und reizvoller Architektur.“

NV: Was würdet ihr einem sehr ängstlichen Besucher sagen, der ob der Situation etwas unsicher ist?

Anne: „Herzlich Willkommen, wir freuen uns, dass Sie da sind. Sie kennen das ja alles von Aldi und Lidl: Wir achten hier sehr auf Ihre Sicherheit, Abstand, Masken usw., wir haben außerdem Desinfektionsmittel für Sie, unsere Stationen laufen kontaktarm – zum Beispiel in Dauerschleife, unsere Bildschirme werden nur mit einem speziellen Stift benutzt. Und Sie finden auch überall nette Mitarbeiter*innen, die Sie ansprechen können. Wenn Sie sonst keine Fragen haben, wünsche ich Ihnen jetzt viel Spaß im Museum.“

Ungefähr so, allerdings glaube ich, die Leute sind alle sehr entspannt und freuen sich einfach, dass sie wieder rauskommen, etwas unternehmen und erleben können.

Konny lächelt: „Und mit etwas Glück gibt es auch bald wieder einen Kaffee im Museumscafé…“

Wiedereröffnung

Am Dienstag, 12. Mai 2020 öffnet das Museum für Kommunikation Frankfurt wieder für alle Besucher*innen. Dafür hat die Museumsstiftung mit ihren Schwesterhäusern in Berlin und Nürnberg ein Maßnahmenkonzept für die Wiederaufnahme des Museumsbetriebes erarbeitet.

Wir möchten euch ein entspanntes und sicheres Museumserlebnis in unserem großzügigen Museumsneubau von Günther Behnisch ermöglichen und freuen uns schon jetzt auf ein Wiedersehen. Die wichtigsten Fragen zu eurem Museumsbesuch beantworten wir euch in unseren FAQs

 

Interview: Nina Voborsky, 11. Mai 2020

Zur Zusammenarbeit von Schule und Museum

Zur Zusammenarbeit von Schule und Museum

Auch in der aktuellen Situation denkt, entwickelt und diskutiert die Abteilung Bildung und Vermittlung schon bestehende oder neue Kooperationsmöglichkeiten mit Schulen. Doch warum ist das eigentlich so wichtig?

Die große Gemeinsamkeit von Schulen und Museen ist der Bildungsauftrag. Der Nutzen von außerschulischen Bildungsangeboten bekommt seit Jahren einen immer höheren Stellenwert zugeschrieben. Und das zu recht! Seit 2012 besteht das Kooperationsprojekt mit der Integrierten Gesamtschule (IGS) Nordend in Frankfurt. Eine Gruppe von Schüler*innen besucht das Museum für Kommunikation über das gesamte Schuljahr hinweg und erarbeitet Videoprojekte gemeinsam mit der Kunst- und Medienpädagogin Jutta Mertens und ihrem Lehrer Necmettin Atasoy

“Das Besondere an dem Projekt ist, dass die Schülerinnen und Schüler tatsächlich selbstständig agieren müssen. D.h. sie müssen Ideen entwickeln, handeln, in dem sie ihr Material organisieren und aktiv auf Menschen zugehen können. Zu guter Letzt müssen sie ihr gefilmtes Material schneiden. Dies erfordert ein hohes Maß an Teamfähigkeit, Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit. Die Jugendlichen haben aber auch unglaublich viele Gestaltungsfreiheiten. Diese Art von ‘Freiheit’ – in der Schule gibt es Lehrpläne/Bildungsstandards – kennen sie aus ihrem schulischen Alltag eher seltener.”

Necmettin Atasoy, seit 10 Jahren Lehrer an der IGS-Nordend, seit 2012 betreut er das Projekt

Kreativ und offen für Neues

Seit acht Jahren ist jeden Donnerstagvormittag eine jährlich wechselnde Gruppe bei uns im Seminarraum zu Gast. Jutta Mertens begleitet das Kooperationsprojekt seit Beginn: „Zu verschiedenen Themen – rund um Kommunikation – erarbeiten die Jugendlichen ihre eigenen Filme – vom ersten Essay übers Drehbuch bis hin zu Schnitt. Es erfordert Kreativität, Offenheit, Kooperationsbereitschaft und technisches Know How.” 

Das museumspädagogische Team konnte in den letzten Jahren ganz unterschiedliche Gruppen, Prozesse und Ergebnisse begleiten: Von sehr freien und expressiven Momenten über dokumentarisch emotionale bis hin zu Filmen, die es als Exponat in unsere Sonderausstellungen geschafft haben, war alles dabei.

 

“Wir als Pädagogen haben natürlich unsere Erfahrungen der Vorjahre mitgebracht und weiterentwickelt. Verändert haben sich auch die technischen Voraussetzungen. Zu Beginn haben wir mit großen Kameras des Offenen Kanals gearbeitet. Inzwischen bevorzugen wir I-Pads.”

Jutta Mertens, Kunst- und Medienpädagogin, seit 2012 betreut sie das Projekt

Wie wird das neue Schuljahr geplant? Jutta Mertens beschreibt ihr methodisches Vorgehen: “Zunächst müssen wir natürlich wissen, was es im Museum in einem Schuljahr zu sehen gibt. Die Themen, die wir filmisch bearbeiten sind inspiriert von aktuellen Wechselausstellungen oder auch der aktualisierten Sammlung.

Die Gruppe wird in Teams eingeteilt, die zunächst gemeinsam Ideen entwickeln aus denen später Storyboard und Drehbuch entstehen. Kreative Freiheit wird bei uns groß geschrieben – vom Spielfilm über Interviews bis hin zum Dokumentar- oder Experimentalfilm ist alles möglich.”

Wildes Denken

Nicht nur das inhaltliche „über den Tellerrand schauen“, sondern auch die soft skills werden durch das Projekt gefördert. Das Museum ist ein Raum für wildes und kreatives Denken in dem Fehler erlaubt sind. „Das macht ein Museum so unglaublich wertvoll in Kombination mit dem schulischen Bildungsalltag“, resümiert Necmettin Atasoy. Und dem schließen wir uns an!

Wir freuen uns auf den Abschluss des Projektes Ende Juni und viele weitere, die folgen werden.

Aber jetzt erstmal viel Spaß bei den folgenden Filmen zum Thema Zeit. Wunderbar passend zur aktuellen Situation, in der für viele Menschen die Zeit, deren Beschleunigung und Entschleunigung eine ganz neue Bedeutung bekommen. 

Videoprojekte zum Thema Zeit

Kooperation IGS-Nordend und Museum für Kommunikation

Schüler*innen der Integrierten Gesamtschule Nordend Frankfurt besuchen einen Video-Workshop über das gesamte Schuljahr hinweg im Museum für Kommunikation Frankfurt. Das Projekt regt die Schüler*innen zur Auseinandersetzung mit dem Thema Kommunikation und Video an, ermöglichte ihnen das Kennenlernen des Museums als außerschulischen Lernort und förderte ihre Medien- und Sozialkompetenz.

Text: Fabian Lenczewski, 7. Mai 2020

Vor vierzig Jahren – Einführung einer rollstuhlgerechten Telefonzelle

Vor vierzig Jahren – Einführung einer rollstuhlgerechten Telefonzelle

Heute ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Auch der diesjährige internationale Museumstag (17. Mai) hatte Inklusion als zentrales Thema, durch Corona hat sich das Thema zu “Museen digital entdecken” verändert. Zum #DepotDienstag nimmt uns die Kustodin Lioba Nägele auf Spurensuche im Archiv und der Sammlung mit. Sie erzählt uns die Geschichte des ersten rollstuhlgerechten Telefonhäuschens, welche sie vorab schon recherchiert hatte.

 

Zugang für alle!?
Lioba Nägele

Kustodin für den Sammlungsbereich Nachrichtentechnik

Offen für alle – dafür standen sie auf Straßen und Plätzen. Telefonhäuschen sollten allen den Zugang zum Telefonnetz ermöglichen, konnten diesen Anspruch aber oft nur bedingt erfüllen. Unerreichbar waren die öffentlichen Münzfernsprecher in den Fernsprechhäuschen insbesondere für Rollstuhlfahrer*innen, denn die schmale Eingangstür und die Bodenschwelle waren für sie unüberwindbare Hindernisse.
Jubiläum
Ein neues Telefonhäuschen sollte Abhilfe schaffen und im Mai 1980, vor genau 40 Jahren, stellte die Deutsche Bundepost das erste rollstuhlgerechte Exemplar vor. Allein durch seine imposante Größe zog das neue gelbe Telefonhäuschen die Blicke auf sich.

Vorausgegangen war 1978 ein öffentlicher Wettbewerb um die Entwicklung eines für Rollstuhlfahrer*innen geeigneten Fernsprechhäuschens. Die zuständigen Stellen der Deutschen Bundespost und von Behindertenverbänden hatten Wünsche und Anforderungen formuliert, aber erst der Praxistest konnte zeigen, ob die neuen Telefonzellen die in sie gesetzten Erwartungen auch erfüllen konnten. Das Pilotprojekt mit einer Kleinserie von elf Stück begann in der zweiten Maiwoche 1980 und in elf deutschen Städten, verteilt über die verschiedenen Oberpostdirektionen, wurde je eines der 2x 2 m großen Telefonhäuschen aufgestellt.

Testphase
Um die Nutzer*innen selbst zu Wort kommen zu lassen, wurde eine Befragung mittels Postkarten eingeplant, die in allen elf Telefonhäuschen auslagen. Die Planung sah 5.000 Postkarten für jedes Häuschen vor – wie viele tatsächlich ausgefüllt und ausgewertet wurden, ist leider den überlieferten Unterlagen nicht zu entnehmen.
Nach Abschluss des zehnmonatigen Feldversuchs und einer Überarbeitung der bei den Prototypen festgestellten Schwachstellen kündigte das Fernmeldetechnische Zentralamt im Januar 1982 an, dass 600 Stück beauftragt und ab Frühjahr 1983 ausgeliefert werden sollen.

R wie Rollstuhl

Wie das Standard-Telefonhäuschen FeH 78 besteht das FeH R (das R in der Modellbezeichnung steht für Rollstuhlbenutzer*in) aus Kunststoffteilen, hat aber eine sechseckige Grundfläche von 180 x 180 cm und eine breite, von innen und außen elektrisch zu öffnende Tür. Auch die Anbringung des Münztelefons und die Halterungen für die Telefonbücher sind auf die besonderen Bedürfnisse von Rollstuhlfahrer*innen ausgerichtet.

Ob es die hohen Kosten, die mancherorts beklagte Zweckentfremdung mit entsprechenden Benutzungsspuren oder andere Unzulänglichkeiten waren – das FeH R konnte nie ganz einlösen, was es bei der Präsentation vor vierzig Jahren versprochen hatte.

 

Text: Lioba Nägele, 5. Mai 2020

 

 

Die Liebe zur Literatur in Zeiten von Corona – Teil III

Die Liebe zur Literatur in Zeiten von Corona – Teil III

Was eignet sich besser, um an den morgigen Tag der Arbeit zu erinnern als mit dem Thema „Arbeit und Digitalisierung“ einen weiteren Aspekt unserer neuen Ausstellung #neuland und drei begleitende Buchtitel unserer Museumsbibliothek vorzustellen? Im besten Fall regt uns Literatur in Zeiten sozialer Einsamkeit, Prekariat und Arbeitsplatzverlust durch Corona zum Nachdenken an: über die Bedeutung von Arbeit in unserer Gesellschaft und für uns selbst. Aber auch über unseren Grad an Digitalisierung mit all seinen Grenzen und Möglichkeiten.

Die Produktivkraft der digitalisierten Massen

Wie kann eine an Marx orientierte Analyse den aktuellen technologischen Wandel erklären? Das Buch: „Marx und die Roboter“, herausgegeben von Sabine Nuss und Florian Butollo, stellt entlang Marx‘ Vorhersage zur Vollautomatisierung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Entwicklungen in der digitalisierten Arbeitswelt dar. Der Begriff der Produktivkraft bildet den Ausgangspunkt und sozialhistorischen Kontext, in den hier die Digitalisierung gestellt wird und analysiert aktuelle Veränderungen unserer Arbeitsweise. Dabei verbleibt die Kritik nicht in der soziotechnischen Dystopie des vom Roboter ersetzten Menschen, sondern zeigt auf, dass neue Technologien das menschliche Arbeitsvermögen noch stärker beanspruchen und deshalb eine aufwendige Neugestaltung der Arbeitsorganisation erfordern. Künstliche Intelligenz und die teils wundersamen Erwartungen, die Marktprognosen an sie stellen, werden hier aber nicht als Lösung dieser Neugestaltung gesehen, sondern als in ihrem gesellschaftlichen Nutzen eher beschränkt, sofern Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter nicht nachhaltig und demokratisch gedacht wird. Die Digitalisierung als Gesicht des Gegenwartskapitalismus, reflektiert in differenzierten Aufsätzen von 16 Autor*innen als ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte.

Nuss / Butollo (Hg): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit.  Berlin : Dietz Verlag. ISBN: 978-3-320-02362-

Die Gestaltbarkeit von Arbeit

Auch wenn mit seinem Erscheinungsjahr 2010 das erwähnte Morgen eigentlich unser Heute ist, ist die Frage: „Wie wollen wir leben und arbeiten?“ des Buches „Die Arbeitswelt von morgen“ nicht weniger aktuell als vor zehn Jahren. Der Sammelband, herausgegeben von Karin Kaudelka und Gerhard Kilger, beinhaltet Positionen aus sechs Talkrunden des interdisziplinären Symposiums „Constructing the future of work – wie wollen wir leben und arbeiten?“ der DASA. Als existentieller Teil unseres Lebens kreist das Thema Arbeit immer um die Frage von Freiheit und Notwendigkeit:

Ob die Entgrenzung zwischen Arbeit und Leben eine gelungene work life balance oder eine ungesunde Vermischung zweier wichtiger Bereiche menschlicher Lebenswelt ist, kann sehr verschieden beantwortet werden, aber nur von jenen, die überhaupt die Wahl haben, mobile und flexible Arbeit nutzen zu dürfen und über die technischen Voraussetzungen dafür verfügen. Ob man ungerechter Bezahlung mehr entgegen setzen kann als Frustration und Jobwechsel, hängt wesentlich mit der persönlichen sozialen Situation zusammen. Und „life long learning“ ist zuweilen einseitige Forderung statt Förderung. 

Die Beiträge des Buches behandeln Themen der Arbeitsmarktpolitik und Personalentwicklung, Grundeinkommen und soziale Ungleichheit, beleuchten sozialpsychologische Aspekte und entwerfen Visionen vom zukünftigen Arbeiten. Ihnen gemeinsam ist die Suche nach Antworten auf die Frage nach der Gestaltbarkeit von Arbeit.

Kaudelka / Kilger (Hg.): Die Arbeitswelt von morgen. Wie wollen wir leben und arbeiten?.  Bielefeld : transcript Verlag, ISBN: 978-3-8376-1423-7

Nachhaltig und ohne Angst

Gestaltungsfelder des digitalen Wandels beschreibt auch das Buch „Die Zukunft ist menschlich“ von Andera Gadeib. Wie der Titel vermuten lässt, ist das Thema Arbeit hier als eines von mehreren Themen eingebettet in eine ganzheitliche Betrachtung: Die Autorin liefert ein starkes Plädoyer, den Menschen als Subjekt in den Mittelpunkt zu stellen – auch in Zeiten des technologischen Fortschritts und umfassenden digitalen Wandels. Das Buch möchte damit eine positive Gegenthese setzen zu angstvollen Mediendebatten angesichts Künstlicher Intelligenz und der Veränderungen in der digitalen Arbeitswelt. Es richtet sich mit Beispielen aus der digitalen und analogen Welt sowohl an Menschen, die ihre allerersten Schritte im Bereich Social Media machen als auch an Arbeitgeber, die ihre Einstellung zu einem lösungsorientierten Herangehen an die Digitalisierung verbessern möchten. Nachhaltig fit für die Zukunft durch das „Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft“.

Gadeib, Andera: Die Zukunft ist menschlich. Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft. Offenbach : GABAL Verlag, ISBN: 978-3-86936-930-3

 

Mehr zu unseren Beständen im Online-Katalog

Für mehr Literatur zu Themen der aktuellen Ausstellung könnt Ihr unter dem Stichwort „Leben & Lernen“ im Online-Katalog stöbern.

Wir hoffen, Euch bald wieder im Museum und in der Bibliothek zu sehen. Bleibt gesund!

 

Autorin: Sandy Lang, 30. April 2020