Ein Frühling voll (Gem-)Einsamkeit

Ein Frühling voll (Gem-)Einsamkeit

Die letzten Wochen haben zahlreiche tiefgreifende Veränderungen für unsere Gesellschaft und unser Privatleben mit sich gebracht. Wer kann, meidet den öffentlichen Raum und zieht sich stattdessen in die eigenen vier Wände oder in den eigenen Garten zurück. Wie kleine Planeten kreisen wir seit Mitte März im eigenen Orbit unseres Zuhauses oder des Einzelbüros. Direkten privaten Kontakt haben wir nur noch mit wenigen Menschen. Und das ausgerechnet in der Jahreszeit, in der sich das Leben normalerweise zunehmend nach draußen verlagert. In der man die ersten lauen Abende in Straßencafés und warme Nachmittage am Badesee verbringt – und in der man so offen für romantische Momente und für neue Begegnungen ist, für die sprichwörtlichen Frühlingsgefühle und Schmetterlinge im Bauch. Wie gestaltet sich eigentlich die Liebe in Zeiten von Corona?

Absence makes the heart grow fonder” – so drückt ein englisches Sprichwort poetisch die Erfahrung aus, dass man manche Dinge erst richtig zu schätzen lernt, wenn man auf sie verzichten muss. In der Corona-Krise müssen wir nun täglich auf vieles verzichten, was wir lange für selbstverständlich erachtet haben. Besonders schmerzlich vermissen wohl die meisten von uns Bewegungsfreiheit – kommen und gehen können, wann oder wohin auch immer man möchte. Gerade für die Liebe ist dieser Aspekt besonders wichtig, sowohl für Menschen in einer festen Beziehung als auch für diejenigen, die auf der Suche nach einem oder einer Partner*in sind.

In Gesellschaft wider Willen

Für Paare kann die durch Social Distancing erzwungene intensivere Bezogenheit auf den jeweils anderen eine wirkliche Herausforderung sein. Wenn beide im Homeoffice arbeiten, teilt man sehr viel mehr vom Alltag als unter normalen Umständen. Da fallen kleine Spleens, die man sonst eher amüsiert ignorieren kann, plötzlich gewaltig auf die Nerven. Die bis zum Rand gefüllte Kaffeetasse, deren Inhalt täglich überschwappt und braune Ringe auf dem neuen Esstisch hinterlässt. Die achtlos auf den Schlafzimmerboden geworfenen Klamotten vom Vortag. Die viel zu hochgedrehte Heizung im Wohnzimmer. Was bisher höchsten Anlass, zu einer neckenden Bemerkung war, wird nun zum Streitpunkt. Dagegen fallen die kleinen liebevollen Gesten, die der Tagesablauf sonst so mit sich bringt, oft weg. Die schnelle aber doch liebevolle Umarmung morgens vor der Arbeit. Die Vorfreude darauf, nach dem stressigen Tag in ein gemütliches Zuhause zurückzukommen, wo der Partner einen im Flur entgegenkommt und einen mit einem Kuss begrüßt. Wenn Gesellschaft alternativlos wird, empfinden wir sie meist irgendwann als anstrengend – selbst, wenn es die Gesellschaft eines geliebten Menschen ist.

Auf der Suche nach Herzklopfen

Die andere Seite der Medaille sind diejenigen, die zur Zeit auf der Suche sind nach der Liebe oder auch einfach nur nach einer leidenschaftlichen Nacht, die das Herz zum Klopfen bringt. Neuen Menschen zu begegnen oder gar diese Begegnungen zu verstetigen, ist im Augenblick sehr viel komplizierter als sonst. Die Dating-App Tinder teilt ihren Nutzer*innen an prominenter Stelle mit:  

Wir wollen natürlich, dass du weiterhin Spaß beim Matchen & Daten hast. Trotzdem ist es uns wichtig, dass deine Gesundheit dabei an erster Stelle steht.

Tinder

Dazu schicken die Betreiber auch einen kleinen Hygiene-Guide zu. Darüber hinaus enthält man sich aber dezidierter Anweisungen und appelliert stattdessen an die Eigenverantwortlichkeit der Nutzer*innen. Die meisten nehmen diese Verantwortung für sich und potentielle Partner*innen sicher auch ernst und verzichten auf reale Treffen. Verstärkt genutzt werden auf diversen Datings-Apps in den letzten Wochen allerdings die Chat-, Anruf- und Video-Funktionen. Tägliche virtuelle Dates anstelle des ersten Tapas-&-Vino-Dinners im kleinen Lieblingsrestaurant um die Ecke? Auch ein Chatverlauf kann das Herz zum Klopfen bringen, keine Frage – aber den Zauber der Berührung, den viele gerade jetzt in Zeiten der Isolation schmerzlich vermissen, kann dieses Kribbeln nicht ersetzen.

Die Liebe hat es in Zeiten von Corona nicht leicht. Sowohl Paare als auch Singles müssen sich in Geduld üben – miteinander oder mit sich selbst, wenn das Gefühl der Einsamkeit zuschlägt. Diese Zeit macht uns aber auch bewusst, wie wertvoll manche Dinge sind, die wir häufig für selbstverständlich erachten: Die vielen Freiheiten, die wir normalerweise genießen – und ja, natürlich auch die Gesellschaft des Partners, der einen jetzt in Momenten der Unsicherheit in den Arm nimmt. An diese Momente können wir denken, wenn die Kaffeetasse am nächsten Tag mal wieder einen Ring hinterlassen hat. Und dann vielleicht – statt genervt die Augen zu rollen – ein Post-It mit dem Satz darüber zu kleben: „Zusammen schaffen wir das!“ 

Nächster Debatten-Dienstag

Wenn euch das Thema Online-Dating & Corona interessiert und beschäftigt, dann schaut gerne beim nächsten digitalen Debatten-Dienstag mit dem Titel „Match, Swipe, Like – von Dating & Daten“ am 25.05.2020 vorbei! Der Debatten-Dienstag wird per Livestream übertragen. Nähere Infos findet Ihr unter der Rubrik Veranstaltungen.

Text: Anjuli Spieker, 6. Mai 2020

„Hier Amt, was beliebt?“ – Die Telefonistin. Ein historischer Frauenberuf bei der Post

„Hier Amt, was beliebt?“ – Die Telefonistin. Ein historischer Frauenberuf bei der Post

„Hier Amt, was beliebt?“ – so wurden Gesprächsteilnehmer über viele Jahrzehnte begrüßt, wenn sie einen Telefonanruf tätigen wollten. Bevor sich zuerst die automatisierte und später die digitale Vermittlung fest etablierte, stellten nämlich die sogenannten Fräuleins vom Amt Telefonverbindungen per Hand her. Jeder Telefonanruf begann mit der Kontaktierung des zuständigen Postamts und einer kurzen Kommunikation mit der zuständigen Vermittlungs- oder Fernmeldebeamtin, die dann durch Steckverbindungen das Gespräch mit dem gewünschten Teilnehmer herstellte. Dem Beruf wird rückblickend oft ein emanzipatorisches Moment zugeschrieben – denn er gilt als einer der ersten, der es ledigen Frauen ermöglichte, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften, ohne dabei ihren Ruf zu schädigen. Dabei sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, dass die Arbeitsbedingungen oft schwierig und die Bezahlung verhältnismäßig niedrig war. Am heutigen „Tag der Arbeit“ wollen wir euch einen historischen Frauenberuf bei der Post mit all seinen Facetten ein wenig näher vorstellen. Schaut euch dazu gerne auch unsere zugehörige digitale Ausstellung an!

 

Das Telefon gehört zu den technischen Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts, die unseren heutigen Alltag am meisten prägen. Es ist selbstverständlich, zum Smartphone zu greifen und Kollegen, Freunde oder Familie direkt zu erreichen.

Zu Beginn der Telefongeschichte sah das aber noch ganz anders aus. Die Telefone waren massive Tischapparate ohne Wählscheiben oder Tastenfelder, dafür aber versehen mit einer Kurbel. Betätigte man diese Kurbel, entstand ein elektrischer Impuls, der über Leitungen in das nächst gelegene Postamt gelangte. Dort löste er ein kleines nummeriertes Metallplättchen am Vermittlungs- oder Klappenschrank. Dieses Plättchen fiel herunter und signalisierte, dass der zugeordnete Teilnehmer ein Gespräch führen wollte. Ab den 1890er Jahren beschäftigt die deutsche Post vermehrt unverheiratete junge Frauen, um die Klappenschränke zu bedienen – zunächst versuchsweise als Hilfsarbeiterinnen für den Fernsprechdienst, später als verbeamtete Telefonistinnen. Zu Beginn der Telefongeschichte sah das aber noch ganz anders aus. Die Telefone waren massive Tischapparate ohne Wählscheiben oder Tastenfelder, dafür aber versehen mit einer Kurbel. Betätigte man diese Kurbel, entstand ein elektrischer Impuls, der über Leitungen in das nächst gelegene Postamt gelangte. Dort löste er ein kleines nummeriertes Metallplättchen am Vermittlungs- oder Klappenschrank. Dieses Plättchen fiel herunter und signalisierte, dass der zugeordnete Teilnehmer ein Gespräch führen wollte.

Ab den 1890er Jahren beschäftigt die deutsche Post vermehrt unverheiratete junge Frauen, um die Klappenschränke zu bedienen – zunächst versuchsweise als Hilfsarbeiterinnen für den Fernsprechdienst, später als verbeamtete Telefonistinnen. Nachdem die Telefonistin durch das Klappensignal über den Gesprächswunsch eines Teilnehmers informiert worden war, meldete sie sich kurz und knapp, um zu erfragen, mit wem der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung zu sprechen wünschte. Im Anschluss wurde ein Verbindungskabel zwischen den entsprechenden beiden Anschlüssen eingestöpselt und so das Gespräch hergestellt. Die Gebühren wurden per Minuten berechnet und dem Anrufer in Rechnung gestellt. Besagte Rechnungen waren zu Beginn der Telefongeschichte astronomisch – Telefonieren war ein moderner Luxus, den sich nur wenige und dann meist auch nur zu geschäftlichen Zwecken leisten konnten.

Immer gleiche Bewegungs- und Sprachabläufe

Nach und nach erhöhte sich jedoch die Zahl der Anschlüsse und damit wuchs der Bedarf für gutgeschultes Vermittlungspersonal insbesondere in den Großstädten rapide. Die vermehrte Einstellung von Frauen in diesem Berufsbereich wurde von der Post damit begründet, dass die als “typisch weiblich” geltenden Eigenschaften – Geduld und Empathie – perfekt zu den Anforderungen des hektischen Vermittlungsdienstes passten. Tatsächlich hing diese Entwicklung aber eher mit den niedrigeren Löhnen für weibliche Angestellte zusammen. 

Der Arbeitsalltag einer Telefonistin war geprägt durch immer gleiche Bewegungs- und Sprachabläufe. Dadurch entstand eine Monotonie, die sowohl körperlich als auch psychisch stark beanspruchte. Dennoch mussten die Frauen permanent konzentriert sein, denn sie wurden von Aufsichten kontrolliert. Wiederholte Fehler in der Vermittlung führten zu Lohnkürzungen. 

Berufsbild im Wandel

Zudem gab es strenge Dienstauflagen, die sich bis ins Privatleben erstreckten. Eine Telefonistin mussten jederzeit einen einwandfreien Leumund vorweisen können und für die Dauer ihres Dienstes ledig bleiben. Den Stand der Ehefrau hielt man für unvereinbar mit den hohen Anforderungen des Vermittlungsdienstes. Wer dennoch heiraten wollte, musste den Dienst quittieren und verlor bis 1923 auch sämtliche Pensionsansprüche. 

Trotz des fordernden Arbeitsalltags war der Beruf der Telefonistin sehr begehrt. Er galt als modern und ermöglichte es ledigen Frauen, sich eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit zu erarbeiten ohne dabei ihren gesellschaftlichen Ruf aufs Spiel zu setzen. Die „Fräuleins vom Amt“ wurden in Schlagern besungen und in der Literatur verewigt – denn die körperlosen und kompetenten Frauenstimmen am anderen Ende der Leitung bot viel Platz für Phantasie der Anrufer.

Mit der Zeit und der Weiterentwicklung der Telefontechnologie veränderte sich auch das Berufsbild der Fernmeldebeamtinnen. In der BRD waren 1966 bereits alle Ortsnetze automatisiert, Ferngespräche mussten allerdings viel länger händisch vermittelt werden. Manche von euch erinnern sich sicher noch an das gespannte Warten und die horrenden Vermittlungsgebühren, wenn man im Ausland lebende Verwandte oder Freunde anrufen wollte. 5 Minuten die verzerrte Stimme des Anderen zu hören, kostete so viel wie ein Abendessen in einem guten Restaurant. 

All das erscheint heute – in Zeiten von Smartphones und Flatrates – unendlich weit weg. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb umweht den Beruf der Telefonistin wieder ein gewisser nostalgischer Zauber, den sich Autor*innen und Drehbuchschreiber*innen für die Entwicklung emanzipatorischer Geschichten zu Nutze machen. Die spanische Serie „Las Chicas del Cable“, die über den US-amerikanischen Streamingdienst Netflix ausgestrahlt wird, lässt die Ästhetik von Klappenschränken und Wählscheiben-Telefonen im Madrid der 1920er und 1930er Jahre wieder lebendig werden.

Text: Anjuli Spieker, 1. Mai 2020
Stay at Home-Empfehlungen: Homo Deus

Stay at Home-Empfehlungen: Homo Deus

Auch das Museumsteam tummelt sich auf verschiedenen Webseiten, recherchiert in Literatur & sammelt Tipps, wie wir unseren Horizont in #stayathome-Zeiten erweitern können. Einige Ratschläge sind aus unserem Leben & Lernen X.0-Newsletter entnommen, der Euch regelmäßig über die neuesten Entwicklungen im Projekt informiert. Klickt mal über Euren digitalen Tellerrand hinaus! 

 

Anjuli Spieker ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum für Kommunikation Frankfurt. Hier ist ihre Empfehlung für #stayathome:

 

In der aktuellen Situation verbringen die viele Menschen mehr Zeit zu Hause und widmen sich Aktivitäten, für die im Alltag sonst wenig Raum bleibt. Kochen, gärtnern, Podcast hören – oder richtig gute Bücher lesen! Besonders bereichernd wird das Leseerlebnis, wenn die ausgewählte Lektüre sowohl klug und informativ, als auch unterhaltsam geschrieben ist. Diese Mischung beherrscht der Universal Historiker Yuval Noah Harari exzellent – bereits bei seinem ersten Welterfolgswerk „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ hatte ich Mühe, das angefangene Buch beiseite zu legen. Mit Homo Deus legte Harari 2017 die hochgelobte Betrachtung eines neuen Kapitels Menschheitsgeschichte nach.

Yuval Noah Harari: Homo Deus

Yuval Noah Harari promovierte 2002 an der Oxford University und lehrt Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Weltgeschichte. “Homo Deus” wurde 2017 von der Zeitschrift Bild der Wissenschaft zum Wissensbuch des Jahres gekürt und erhielt außerdem im selben Jahr den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

Scharfsinnig, wortgewaltig und gleichzeitig unterhaltsam – so entwirft er eine sowohl erhellende als auch erschreckende Vision des Morgen. Er beschreibt, wie der Mensch in einem Akt wachsender Selbstermächtigung zum Homo Deus – zum gottgleichen Geschöpf – avanciert und das neue Glaubenssystem des Data-ismus die bislang gesetzten humanistischen Größen Individualismus, Seele und freier Wille ablöst. Die Lektüre ist dank Hararis unverwechselbarem Schreibstil erneut kurzweilig und zugleich hochinformativ.

Wem gehören unsere Daten?

Beim Elevator Pitch zu “Homo Deus” von Yuval Noah Harari anlässlich der Verleihung des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2017 spricht Harari davon, dass Hungersnot, Krieg und Seuchen mittlerweile von den Menschen kontrolliert werden könnten. Andere Gefahren seien für die Gesellschaften bedrohlicher, wenn man in die Zukunft blickt. Die Überwindung des Todes mit uns als gottähnlichen Menschen könnte das nächste Ziel sein. Jetzt im Frühjahr 2020 wird deutlich, diese alten Plagen sind längst nicht Geschichte, die Szenarien aus “Homo Deus” mit der Frage, wem gehören die Daten der Menschen, wirken aber umso dringlicher fort.

Die Welt nach dem Coronavirus

Yuval Noah Hararis Analysen zu Vergangenheit und Zukunft der Menschheitsgeschichte sind präzise und machen Lust zum Weiterdenken. Deshalb ist auch seine im März 2020 in der Financial Times erschienene Analyse der ganz aktuellen Gegenwart unbedingt lesenswert.

Zitiert sei an dieser Stelle abschließend eine Passage (in deutscher Übersetzung) aus dem Beitrag, die mich persönlich besonders berührt hat, da sie deutlich macht, wie wichtig es ist, wie wir uns während der Corono-Pandemie verhalten:

In dieser Zeit der Krise stehen wir vor zwei besonders wichtigen Entscheidungen. Die erste ist zwischen totalitärer Überwachung und der Stärkung der Bürger. Die zweite ist zwischen nationalistischer Isolation und globaler Solidarität. (…)

Wenn wir zwischen Alternativen wählen, sollten wir uns nicht nur fragen, wie wir die unmittelbare Bedrohung überwinden können, sondern auch, welche Art von Welt wir bewohnen werden, wenn der Sturm vorüber ist. Ja, der Sturm wird vorübergehen, die Menschheit wird überleben, die meisten von uns werden noch am Leben sein – aber wir werden eine andere Welt bewohnen!

Yuval Noah Harari

“Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen” ist bei C.H. Beck erschienen.

 

Anjuli Spieker, 10. April 2020

Beschleunigung: Im Wettlauf mit der Zeit

Beschleunigung: Im Wettlauf mit der Zeit

 

Auch an diesen Samstag beleuchten wir ein Phänomen unserer Dauerausstellung mit Blick auf die Gegenwart. Heute ist es das Phänomen Beschleunigung: „Höher, schneller, weiter“: Die Idee, in immer kürzerer Zeit immer größere Distanzen zu überbrücken und immer höhere Ziele zu erreichen treibt Menschen seit vielen Jahrhunderten an. Man könnte sogar sagen: Sie ist der Motor des Fortschritts – zumindest in Bezug auf Technik, Kommunikationsentwicklung und Wissenschaft. Denn häufig bringt es wirtschaftliche oder machtpolitische Vorteile mit sich, eine Botschaft möglichst schnell übermittelt oder eine Erkenntnis vor allen anderen gewonnen zu haben.

Beschleunigung? Ausgebremst!

Die zentrale Gleichung scheint zu lauten: „Beschleunigung = Effizienz = höchst möglicher Gewinn“. Die meisten von uns sind mit dieser Mentalität aufgewachsen und haben sie verinnerlicht. Was bedeutet es nun – sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene – wenn Beschleunigung, die Grundlage der Gleichung, von einem Augenblick auf den anderen durch eine globale Krise wie die Corona-Pandemie wortwörtlich ausgebremst wird?

Boten

Unser Alltag ist geprägt von Stress und Zeitdruck. Wir wollen in der vorhandenen Zeit mehr erleben, mehr leisten, mehr fühlen. Diese Verdichtung beschleunigt uns weiter. Digitalisierung und Mobilität tragen dazu bei und prägen die Geschichte der Kommunikation. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts löste das elektrische Licht den Rhythmus von Tag und Nacht auf. Fortschritt war der Begriff der Stunde. Arbeitsteilung und Wachstumsstreben beschleunigen seitdem stetig Produktion, Transport und Kommunikation. Ökonomisch betrachtet ist Zeit Geld. Zeit ist zum knappsten Rohstoff der Welt geworden – wie gehen wir mit dieser Entwicklung um?

Am Anfang war der Läufer. Wichtige Botschaften wurden mündlich oder von Hand zu Hand übermittelt, die zwischen Sender und Empfänger liegende Distanz „auf Schusters Rappen“ überbrückt. Wenn die Distanz groß war, ermüdete der Bote irgendwann und die Übermittlung der Nachricht musste solange warten, bis er sich körperlich erholt hatte. Da Zeit in bestimmten Situationen aber schon immer ein kostbares Gut war, etablierte sich bald das System des Staffellaufs: Ein frischer Läufer wartete an einem zuvor festgelegten Treffpunkt, übernahm die Nachricht und übermittelte sie seinerseits am Endpunkt seiner Etappe an einen weiteren Boten.

Postreiter

Dieses System wurde später auch von berittenen Boten übernommen: Die sogenannten „Postreiter“ waren zunächst in Herbergen stationiert, übernahmen verschlossene und versiegelte Briefpakete und transportierten sie von dort zu einer benachbarten Station. Die ersten Aufzeichnungen zu diesem System finden sich in den sogenannten Memminger Chroniken aus dem Jahr 1490. Aus der gleichen Schrift geht auch hervor, dass ein berittener Bote zur damaligen Zeit auf einer Straße etwa doppelt so schnell voran kam wie ein Läufer.

Ordinari-Post

Nach 1550 etablierte sich die Ordinari-Post: Nachrichten wurden „en gros“ zu festgelegten Zeiten und auf festgelegten Strecken transportiert, jedermann konnte dieses Transportsystem nutzen. Die Postboten – ob zu Pferd oder später auf dem Kutschbock – setzen sich dabei einem recht hohen Risiko aus: Überfälle waren an der Tagesordnung. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die Boten übrigens auch als „Postillions“ bezeichnet.

Elektrische Post

Noch schneller als mit der Post ließen sich Nachrichten über weite Strecken mittels Telegrafie übermitteln. Es gibt unterschiedliche Telegrafie-Techniken: Allen gemeinsam ist, dass Nachrichten auf eine bestimmte Art codiert, die entsprechenden Codes anschließend von Sender zu Empfänger übermittelt und dort zurück in die ursprüngliche Nachricht „übersetzt“ werden. Zentrale Voraussetzung dafür war neben der Übermittlungstechnik natürlich die geteilte Kenntnis des Codierungssystems.

Die ersten Modelle der „optische Telegrafie“ etablierte sich in Europa im 17. Jahrhundert, erfolgreich wurden sie allerdings erst im 18. Jahrhundert durch Verfeinerung und Systematisierung. Der Franzose Claude Chappes entwickelte beispielsweise eine Technik, bei der eine Nachricht mittels schwenkbarer Signalarme über 20 Stationen in nur 2 Minuten übermittelt werden konnte. Im 19. Jahrhundert wurde die optische Telegrafie dann durch die elektrische bzw. Funkentelegrafie abgelöst.

Höher, schneller, weiter – Zeit als kostbare Ressource

Auf ihrer Grundlage und mittels riesiger Unterseekabel wurde 1858 sogar erstmals eine transatlantische Telegrafenverbindung möglich. Nachrichten konnten nun in Minuten von Europa nach Amerika übermittelt werden und brauchten nicht mehr wie bisher mehrere Wochen um ihre Empfänger zu erreichen.

Einen weiteren Sprung in der Geschichte menschlicher Kommunikation bildete die Etablierung des Telefons Ende des 19. Jahrhunderts. Die Möglichkeit, gesprochene Sprache in elektrische Signale zu transferieren und eine mündliche Nachricht via Kabel praktisch ohne Zeitverlust an einen Empfänger zu übermitteln, stellte eine ungeheure technische Entwicklungsleistung dar und veränderte die Welt nachhaltig. Geographische Distanzen spielten in vielen Zusammenhänge eine viel geringere Rolle als früher – die Welt rückte enger zusammen.

Heute, in Zeiten der kommerziellen Nutzung des Internets, kann man sich in Europa kaum noch vorstellen, was es bedeutet, wochenlang auf eine Nachricht oder ein Produkt warten zu müssen. Wir sind es gewohnt, Dinge des täglichen Bedarfs, Unterhaltungsmöglichkeiten und Gesprächspartner*innen SOFORT zur Verfügung zu haben. Die Corona-Krise bedeutet vor diesem Hintergrund in vieler Hinsicht eine existentielle Erfahrung. Sie zwingt uns – im übertragenen Sinne – mitten auf der Überholspur zu einer Vollbremsung. Jetzt wird einem der Wert von Sicherheitsgurten bewusst, die man mit dem Fuß auf dem Gaspedal oft kaum wahrnimmt. Das Zuhause, in das man sich zurückziehen kann. Die Gewissheit, dass die Grundversorgung gesichert ist. Und die Möglichkeit zum Telefon zu greifen, um einfach mal seine Lieben anzurufen. Ganz ohne Eile.

Autorin: Anjuli Spieker, 4. April 2020

Sneak Preview “#neuland: Ich, wir & die Digitalisierung”

Sneak Preview “#neuland: Ich, wir & die Digitalisierung”

Heute, am 25.03.2020, wäre die Ausstellung #neuland: Ich, wir & die Digitalisierung im Lichthof des Museums für Kommunikation in Frankfurt gemeinsam mit der Nemetschek Stiftung eröffnet worden. Das kuratorische Team hat, gemeinsam mit den Gestalterinnen von Good-to-Know und der Werkstatt SIMPLE, in den vergangenen Monaten mit viel Elan daran gearbeitet, alle Interessierten heute zum ersten Mal durch die Ausstellung zu führen und im Anschuss gemeinsam zu feiern. Nun hat uns die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht, das Museum ist vorerst geschlossen. 

 

Dennoch möchten wir den heutigen Tag nutzen, um Ihnen und euch einen ersten Einblick in #neuland zu geben. Zum Zeitpunkt der geplanten Eröffnung – um 19 Uhr – laden wir zur visuellen Sneak Preview ein!

Ein Video zeigt erste Impressionen aus unserem Ausstellungsraum und lässt einige der Menschen zu Wort kommen, die unser Projekt durch ihre Mitarbeit und ihre Perspektiven auf das digitale Leben bereichert haben. Der folgende Blogbeitrag stellt zudem die Grundgedanken der Ausstellung vor, ohne dabei zu viel vorweg nehmen zu wollen. Denn selbstverständlich wünschen wir uns viele neugierige Besucher*innen, sobald die Tore der Frankfurter Museen wieder öffnen können!

Warum heißt eine Ausstellung zum Thema Digitalisierung eigentlich „#neuland“?

Schließlich bewegen sich doch die meisten von uns, beruflich und privat, täglich im Internet – und das schon seit einigen Jahren. Unser Alltag ist mittlerweile fast untrennbar verbunden mit der digitalen Realität. Viele Prozesse sind so selbstverständlich geworden, dass der oder die Einzelne ihre Bedeutung für die eigene Identität und das gesellschaftliche Miteinander kaum noch hinterfragt. Und an genau dieser Stelle setzt die Ausstellung an. Zugrunde liegt nämlich die Leitfrage:

Was hat die Digitalisierung eigentlich mit MIR zu tun?“

Diese Frage richteten wir in Kooperation mit dem Offenen Kanal Rhein Main im Vorfeld an Menschen unterschiedlichster Alters- und Berufsgruppen. Ihre Statements sind ein zentrales Element der Ausstellung. Trotz faszinierenden Diversität dieser Perspektiven war es möglich, Überthemen zu identifizieren – Bereiche, die für das Leben der meisten Menschen prägend sind, und deshalb bei der Reflektion über den eigenen digitalen Alltag immer wieder auftauchen. Wir haben die Bereiche folgendermaßen benannt: Identität, Optimierung, Kommunikation, Beziehungen und Wissen.

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung betreten die Besucher*innen nacheinander die in sich abgeschlossenen Bereiche und können sich dort umfassend informieren – aber auch selbst aktiv werden. Jeder Bereich bietet neben Informationstexten und besonderen Expert*innen-Interviews nämlich auch interaktive Elemente, die digitale Erfahrungen analog nachbilden und so einmal ganz anders erlebbar machen. Zwischendurch bieten sich immer wieder Gelegenheiten zu Reflektion und zum gemütlichen Verweilen – denn #neuland soll auch ein Ort sein, an dem man sich einfach gerne aufhält.

Gestaltung der Ausstellung: Leichtigkeit und lebendige Farben

Aus unseren vielen kuratorischen Ideen und Wünschen habe die Gestalterinnen der Agentur Good-to-Know, Patrizia Widritzki und Kristine Fester, ein stimmiges Gesamtkonzept entwickelt, das von Leichtigkeit und einladend lebendigen Farben geprägt ist. Wir, die Kuratorinnen, sind übrigens Silke Zimmermann (Nemetschek Stiftung), Tine Nowak und Anjuli Spieker (Museum für Kommunikation).

Die #neuland-Metaphorik war prägend für das gesamte visuelle Konzept – wer die Ausstellung besucht, betritt im wahrsten Sinne des Wortes #neuland. Und so erklärt sich auch die ganz zu Beginn aufgeworfene Frage:

Warum heißt diese Ausstellung zum Thema Digitalisierung eigentlich #neuland?

Weil dieser Aspekt unseres Lebens so dynamisch ist, dass er nach wie vor (oder immer wieder) für jeden und jede von uns etwas Unbekanntes bereithält. Weil sich hinter dem eigenen Horizont neue Welten verbergen, die sowohl Gefahren als auch Chancen bereithalten. Weil sich diese Welten mit jedem Schritt vorwärts immer weiter erschließen. Und weil all das so sehr an die historische Erschließung der Terra Incognita erinnert, des Unbekannten Lands – oder eben Neulands.

Autorin: Anjuli Spieker  23. März 2020