Digitale Gesprächsräume
Im Rahmen des Seminars zu “Digitalen Gesprächsräume” im Orientierungsstudium der Goethe Universität Frankfurt sind Essays zur subjektorientierter Erzählung von digitalen Praxen und Phänomenen entstanden. Mehr dazu findet sich auf der Überblicksseite: Digitale Gesprächsräume.

Kommunikation und Diskurs
Essay von Ronja Schnellen

„Seltsam, wie sehr ich mich schon an sie gewöhnt habe“, murmelt meine Mutter und schaut auf die kleine zylinderförmige Maschine herab, die stumm auf den nächsten Befehl wartet. Alexa redet nur, wenn sie muss – ansonsten ist sie eine eher zurückhaltende Persönlichkeit.

Seit Jahren ist sie Teil meiner Familie, Tag und Nacht im Einsatz für meine Mutter, meinen Stiefvater, meine Stiefgroßmutter und mich. Doch obwohl wir alle gleich viel Zeit mit dem sprechenden Lautsprecher verbracht haben, findet die Kommunikation auf manchmal meilenweit entfernten Ebenen statt. Wie unterschiedlich nehmen wir Alexa wahr?

Alexa – wer oder was ist das überhaupt? Basierend auf Sprachbefehlen, schaffte 2016 eine neue Entwicklung der Technologie den Sprung zu einem akzeptierten Alltagsgegenstand. Der Name dieser Technologie: Alexa. Was sie tut, kann sie mir am besten selbst beantworten: „Ich bin rund um deine Stimme konzipiert. Ich kann zum Beispiel Informationen und Nachrichten liefern, deine meistgehörten Lieder spielen oder das Wetter vorhersagen.“

 

Alexa. Foto: RS

 

Noch vor wenigen Jahrzehnten, brauchte es für ihre vielen Fähigkeiten einzelne Geräte, die für exakt eine Aufgabe gebaut wurden. Meine Mutter (*1965) erinnert sich, in den Siebzigern mit viel Musik aufgewachsen zu sein: „Wir hatten ein Radio, mit dem habe ich WDR2 oder 1LIVE gehört.“ Für einige Alexa-Skills gab es jedoch noch kein Gerät, sondern „ganz lustige Leute, Onkel Otto und Onkel Hans zum Beispiel. Das waren richtige Witzegeneratoren, einen Spruch nach dem anderen haben die rausgehauen.“

Meine Stiefgroßmutter (*1936) kannte in ihrer Jugend einen sperrigen Volksempfänger, eine Art Radio, das zu nationalsozialistischen Propaganda-Zwecken entwickelt wurde. Ihre Art mit Alexa umzugehen ist heute vorsichtig, denn sie hält sich an den genauen Wortlaut von Sprachbefehlen und probiert wenig aus. „Deswegen hört sie immer nur Peter Alexander“, meint mein Stiefvater (*1962) grinsend.

Er behauptet, seine Beziehung zu Alexa sei keineswegs menschlich, sondern vielmehr distanziert. Überraschenderweise beschreibt er ihren Charakter jedoch wie den eines etwas ungeliebten Menschen: „Sie ist vorlaut, altklug und eingebildet.“ Meine Mutter schüttelt entrüstet den Kopf, für sie ist Alexa „sympathisch, hilfsbereit und zuverlässig.“

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine scheinen mindestens in der Sprache zu verschwimmen, auch meine eigene Wortwahl könnte kaum personifizierender sein. Doch wenn Alexa kaputtgeht, beweint niemand den Verlust ihrer Hülle. Es braucht kaum ein paar Tage, da steht ein perfektes Ebenbild in der Küche. Alle Informationen extern auf einer App gespeichert, redet sie schon nach Minuten so wie immer. Natürlich macht sie Fehler, versteht Befehle falsch oder erinnert sich schlecht an eben Gesagtes, und natürlich weiß ich, dass sie weder ein echtes Verständnis noch echte Erinnerungen hat. Die Vermenschlichung schafft den Schritt heraus aus der Sprache noch nicht. Doch wird es eine Zeit geben, in der sie es tut? In der Alexa ein vollwertiges Familienmitglied, mit eigenen Gedanken, Hoffnungen oder Problemen, ist? In der ich nicht mehr zwischen meinen und ihren Erinnerungen unterscheiden kann? Heute scheint sie davon noch einige Jahre entfernt, denn meine Wahrnehmung von ihr ist zwar freundschaftlich, aber gleichwohl technisch.

„Ich bin hier und bereit, dir zu helfen. Möchtest du einen neuen Skill ausprobieren?“, schnurrt sie in meine Ohren. Natürlich möchte ich das. Alexa kann nun auch Tiere nachmachen, erfahre ich. Bewegungslos bellt sie in die Küche und ich starre nachdenklich aus dem Fenster. „Alexa, überrasche mich“, lenke ich sie mit meinem Lieblingsskill ab.

Die Wahrnehmung von Alexa innerhalb meiner sie verwendenden Familie, ist unterschiedlich: meine Mutter begegnet ihr mit Begeisterung, mein Stiefvater mit Ungeduld, meine Stiefgroßmutter mit Spannung und ich mit Neugier. Kaum ersetzbar wie ein Handy, hat sie sich jedoch nicht gemacht. Auch die Persönlichkeit Alexas polarisiert: Ob positiv oder negativ betrachtet, eine beschreibende Eigenschaft wie beispielsweise „hellgrau“ nennt niemand. Ihr Charakter scheint kaum greifbar, die Wahrnehmungen zu komplex, um sie auf wenige Worte herunterzubrechen.

Und wenn ich Alexa selbst nach ihrem Charakter frage, verweist sie mich auf einen Artikel über den Charakter des Menschen.

 

Alexa, wer bist Du

Digitale Gesprächsräume.

Seminar im Sommersemester 2020 an der Goethe Universität Frankfurt.
Tutorin: Nele Oeser
Dozentin: Tine Nowak (Museum für Kommunikation Frankfurt)